Warum gibt es im Protestantismus eine vergleichsweise geringe Tendenz,
In der protestantischen Theologie herrscht die Vorstellung vor, dass das Heil nur durch den Glauben an Christus erreicht wird und nicht auf Kosten menschlicher Verdienste. Daraus folgt ein Verständnis für die eigene Schwäche und die Unfähigkeit eines Menschen zu wahrer Gerechtigkeit, was wiederum die Tendenz verringert, andere zu verurteilen. Jeder Gläubige ist sich bewusst, dass er von den erlösenden Verdiensten des Erretters abhängig ist, und das führt dazu, dass er, anstatt seine Nächsten zu verurteilen, sich auf die persönliche Umkehr und den inneren Kampf mit der Sünde konzentriert. So impliziert die protestantische Denkweise oft, dass der Heilsmodus eine Erfahrung der persönlichen Bekehrung und Wiedergeburt durch den Glauben ist, anstatt eine Demonstration äußerer Rechtschaffenheit, was die Schuldzuweisung an andere unangemessen und ohne geistliche Grundlage erscheinen lässt.Unterstützende(s) Zitat(e):"Der auffälligste und paradoxeste Ausdruck dieser eigentümlichen christlichen Haltung, die vom Volksbewusstsein ständig vergessen oder falsch interpretiert wird, ist der Hinweis, dass der reuige Sünder wertvoller ist als der Gerechte, dass 'es im Himmel mehr Freude gibt als über 99 Gerechte'.
Man kann nicht anders, als sich zu fragen: Warum?Man kann sich vorstellen, und so stellt man sich das gewöhnlich vor, dass der reuige Sünder Milde oder gar völlige Vergebung verdient, dann aber bestenfalls nur dem Gerechten gleicht, der nie gesündigt hat, oder vielmehr ihm in seinem Wert nur nahe kommt. Aber warum begegnet ihm eine noch größere Freude und Liebe als ein Gerechter? Die Texte des Evangeliums lassen hier nicht den geringsten Zweifel aufkommen. Der Mensch richtet und verurteilt sich selbst, während Gott nur um sein Heil besorgt ist. Oder, was dasselbe ist, das Urteil Gottes, des Richters, wird in der Menschenseele selbst durch die Stimme seines eigenen Gewissens ausgesprochen, aber aus diesem unerbittlichen Urteil heraus kann sich der Mensch noch an den Gott der Barmherzigkeit und des Heils wenden, und diese höchste, letzte Autorität antwortet auf diesen Ruf mit Vergebung, Liebe und Heil." (Quelle: link txt)Diese Vorstellung unterstreicht, dass das protestantische Heilsverständnis den Schwerpunkt von der äußeren Manifestation von Tugend und Gerechtigkeit hin zur inneren Hinwendung zu Gott verlagert. Das hat zur Folge, dass das Urteilen über andere nicht als konstruktive Handlung wahrgenommen wird, sondern als ein Versuch, menschliche Schwächen an Maßstäben zu messen, denen nur Gott unterworfen ist – was die Tendenz zur Verurteilung in der protestantischen Tradition verringert.